Klett Themendienst – Pädagogen im Inklusions-Dilemma

(sl) Die perfekte und immer funktionierende Methode, wie Inklusion im Unterricht gelingen kann, gibt es nicht. Davon ist Ines Boban von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg überzeugt.

Spricht man über das Thema Inklusion in der Schule, gibt es kaum jemanden, der das grundsätzlich nicht gut findet. Doch die Aber folgen schnell. Welche hören Sie am häufigsten?

Stimmt, theoretisch eine gute Idee, ABER praktisch nicht umsetzbar, denn: ‚Menschen sind als solche nun mal Egoisten‘, ‚Kinder können so grausam sein‘, ‚Die Ressourcen stimmen nicht‘, ‚Die Politiker wollen nur sparen‘, ‚Das ist alles nicht so einfach‘. So und ähnlich fielen Reaktionen aus, als es vor rund 30 Jahren um die ersten Integrationsklassen ging. Da sagte ein aufgebrachter Gegner dieses Anliegens in Hamburg: „Sie wollen wohl mit unseren Kindern experimentieren!?“ Ich meinte damals bereits, dass das ganze Leben ein einziges Experiment sei – egal, wie wir was anlegen, es bleibt ein Versuch.

Viele Pädagoginnen und Pädagogen befürworten Inklusion. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sie sie im Unterricht umsetzen können?

Die Kolleg/-innen sind tatsächlich in einem beinahe unauflöslichen Dilemma: Inklusion ist hierzulande zu dem Thema geworden, nachdem Juristen quasi daran erinnert haben, dass es zu den Menschenrechten gehört, Anspruch auf ‚qualitativ hochwertige Bildung‘ zu haben. Was die Juristen nicht ausführen, ist, was denn unter einer qualitativ hochwertigen Bildung genau zu verstehen ist. Diesen Ball haben sie den Lernbegleiter/-innen in Kitas und Schulen einfach mal so eben quergepasst. Und da dribbeln sie – zuweilen ratlos, zuweilen kreativ, je nachdem, wie ihr Team bisher im Spiel war – mit eben diesem Ball herum und suchen einen Anspielpartner in der Politik.

Und finden ihn nicht?

Zu Toren, sprich wirklicher Inklusion, kann es nur kommen, wenn die Spielregeln sich sehr grundsätzlich und für alle Beteiligten so ändern, dass Schulen aufhören, Orte der Selektionslogik und der Segregationspraxis zu sein. Da aber machen die Verantwortlichen noch nicht wirklich mit. Sie denken, es ginge nur darum, sozusagen mit etwas Schaum vom Schiedsrichter die bisherigen Regeln zu modifizieren und auch Kinder, die bisher draußen bleiben mussten, nun am allgemeinen Wettbewerbsringen teilnehmen zu lassen. Klar können wir im bereits bestehenden Spiel mehr oder weniger Fouls zulassen, fairer miteinander umgehen, achtsamer einander zuspielen etc. Aber wenn die Grundidee des gesamten Spiels auf Siegen und Niederlagen beruht und also weiterhin Selektionsmechanismen bedient werden, wie Zensuren, Vergleichsarbeiten, Tests, Jahrgangsklasse mit Sitzenbleiben etc., ist es anachronistisch, innerhalb dieses Tangos auch noch andere Tänze wagen zu wollen. Genaugenommen ist es mehr als anachronistisch, immer noch an diesen überkommenen, jahrhundertealten Modalitäten festzuhalten. Und eben deshalb, weil die Sehnsucht vieler Pädagog/-innen schon lange dahin geht, sich den Menschen unterstützend und weitend, statt gängelnd, einengend, kategorisierend und sortierend zuzuwenden, stellen sich immer mehr Kolleg/-innen aktuell der Herausforderung, im Bestehenden, noch Unpassenden, bereits mehr von der menschenrechtsbasierten Logik zu realisieren. Sie jonglieren mit den Dilemmata.

Gibt es die Methode schlechthin, wie Inklusion im Unterricht gelingen kann?

Nein! Mir gefällt die Kombination ‚Methode schlechthin‘! Was genau ist eine ‚Methode‘? Es gibt jedoch eine ganze Menge Ansatzpunkte, was zu eher inklusiven Prozessen führt und wie es eher zu Exklusionstendenzen kommt. Zentral ist, welche Lernmöglichkeiten eine Schule bietet – weg von frustrierendem und stressigen Arrangements, bei denen Schüler/-innen vor allem defensiv auf die Anforderungen von Lehrer/-innen reagieren, hin zu Möglichkeiten, bei denen Schüler/-innen ihren eigenen Fragen nachgehen und in sie expansiv eintauchen können. Und je nachdem, wo eine Bildungseinrichtung startet, knüpft sie an Kulturen, Strukturen und Praktiken an und baut entsprechend auf und aus.

Verstehen Sie die Sorgen von Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung oder Behinderung, ihr Kind könnte in einer allgemeinen Schule untergehen?

Natürlich. Sie sind zur Zeit DIE SEISMOGRAPHEN des Dilemmas, die anzeigen, dass es nicht unwahrscheinlich ist, in einem auf Wettbewerb und Normalverteilungskurven hin orientierten und damit auch immer latent orientierenden System mit Frust und Stress ‚untergehen‘ zu können. Aber nicht nur ihretwegen gilt es diese ‚Spielregeln zu ändern‘ – auch die sehr eloquenten und anpassungsfähigen Schüler/-innen könnten sich anders entfalten, wenn wir Schulen zu Orten der vielen Talente und Interessen machen, statt eine Engführung zu zählbaren Ergebnissen zu choreografieren.

Wie muss sich die Lehreraus- und -fortbildung mit Blick auf Inklusion verändern?

Massiv, bzw. je nachdem, wie weit wir dabei schauen. Ändern wir konsequent – um nicht zu sagen ‚radikal‘ – unsere Schulpraxen, weil wir das Schulsystem auf der Grundlage der Menschenrechte zu einem inklusiven umgestalten, dann hat dies andere Folgen, als wenn wir meinen, wir könnten den Status quo unberührt lassen und darin ein paar etwas inklusivere Momente schaffen.

Ist Schule nicht überfordert, eine Inklusion voranzutreiben, die in der Gesellschaft längst noch keine Normalität ist?

Schulen sind bislang die Orte, an denen Menschen einer Gesellschaft zusammentreffen – pflichtgemäß. Wenn eine Gesellschaft sich erlaubt, Menschen zu verpflichten, zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenzukommen, dann muss es hier um etwas sehr Kostbares gehen: Vermittlung und Neugestaltung. Und jetzt kommt die berühmte Frage: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Soll Schule nur spiegeln, wo wir herkommen und warum wir an dem Punkt der Geschichte sind, oder kann sie auch ein Experimentierfeld dafür sein, wie Gemeinschaften, also auch Gesellschaften sein können – wenn sie versuchen, den Menschenrechten zur Verwirklichung zu verhelfen. ‹‹

Zur Person

Ines Boban ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Philosophische Fakultät III – Erziehungswissenschaften.

Aktuelle Tätigkeits- und Forschungsschwerpunkte: Inklusive Pädagogik im internationalen Kontext, Berufsbegleitender Erweiterungsstudiengang Integrationspädagogik und ehem. Lehrerin an der Gesamtschule Winterhude in Hamburg sowie Mitherausgeberin des Index für Inklusion (2003, 2015).

 

Text: Stephan Lücke
Quelle: Klett Themendienst

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